Poker ArtikelWarum die boomende Poker-Industrie alle Asse in der Hand hält

Pokern wird weltweit zu einem Zweig der Unterhaltungsindustrie. Medien- und Internet-Konzerne profitieren von der Nachfrage. Nur in Deutschland fristet das Spiel ein Nischendasein. Warum? Ein Selbstversuch - der mit der Teilnahme an der deutschen Meisterschaft endet!

Der Mann links neben mir zittert leicht. Es ist Mr. Wong, ein Asiate. Er rutscht unruhig auf seinem Platz rum, als wäre er gern woanders. Seine Chips schiebt er hin und her, schaut auf sein Blatt, wieder auf seine Chips, dann auf die Einsätze in der Mitte des Tisches.

Es ist gegen 20.40 Uhr am letzten Freitag im Oktober, als Mr. Wong all seine Chips in die Mitte packt. "All in" sagt der Croupier. Sein fülliger Kontrahent an der anderen Seite des Tischs, behangen mit Goldkette und unüberhörbar aus dem Berliner Raum, zögert kein bißchen. Auch er schiebt sein Geld in die Mitte.

Gegen 20.41 Uhr bin ich im Gegensatz zu Mr. Wong ein äußerst zufriedener Mensch. Er hat mit einem miserablen Blatt einen miserablen Bluff hingelegt. Mein Minimalziel, nicht als erster in dem Pokerturnier auszuscheiden, habe ich damit erreicht.

Elf Spieler sind es, die in der Berliner Spielbank am Potsdamer Platz an einem Qualifikationsturnier für die deutsche Pokermeisterschaft teilnehmen. 105 Euro hat jeder gezahlt, wer am Ende gewinnt, ist für die Endrunde qualifiziert. Die findet am kommenden Wochenende in Schenefeld bei Hamburg statt. Um die 120 Teilnehmer werden wohl kommen; wer in den Vorentscheidungen nicht gewonnen hat, kann sich mit 840 Euro einen Platz kaufen.

120 Spieler deuten auf eine eher mickrige Veranstaltung hin. So viele Pokerspieler treffen sich an einem verhangenen Nachmittag in Las Vegas in jedem größeren Kasino. Bei den diesjährigen World Series, die Weltmeisterschaft in der Spielerstadt in Nevada, gingen 5619 Spieler an den Start. 10 000 Dollar zahlte jeder als Startgeld. Als Sieger nahm der Australier Joseph Hachem 7 525 850 Dollar entgegen. Selbst ein Michael Ballack muß für diese Summe ziemlich viel grätschen.

Die steigenden Preisgelder locken global immer mehr Menschen an die Pokertische. Ein stark wachsender Zweig der Unterhaltungsindustrie hat sich etabliert, der heute in den USA mehr umsetzt als die Hollywood-Filme an den Kinokassen. Der Ruf eines sündigen Vergnügens für allerlei Gesindel hilft der Popularisierung des Pokerns, ähnlich wie der Elf-Freunde-Mythos dem Fußball.

Rund um das Pokern hat sich weltweit eine Industrie entwickelt: Kasinos locken online und offline, Softwareprogramme trainieren die Spieler, nahezu so umfangreich wie eine Bibliothek ist mittlerweile die Sammlung der Ratgeberbücher und Erfahrungsberichte der Pokerspieler. Auch das Fernsehen verdient: Mit den Übertragungen der Turniere erzielt TV-Sender ESPN in den USA gute Quoten. Dank eingebauter Handkameras können Zuschauer die Strategie der Spieler verfolgen.

54 Millionen Amerikaner - jeder vierte - haben 2004 eine Spielbank besucht. 27 Milliarden Dollar setzten sie dabei um, zehn Jahre zuvor waren es erst elf Milliarden. Das vorerst letzte Signal, daß Pokern zu einem boomenden Wirtschaftszweig geworden ist, war in diesem Sommer der Börsengang des Online-Kasinos Partygaming. Der Marktführer übertraf bei der Kapitalisierung mühelos die Fluglinie British Airways.

Auch in Europa haben einige Länder das Glücksspiel liberalisiert. So muß der Besucher in London nicht mehr in Spelunken eine Leibesvisite über sich ergehen lassen und mit eher zwielichtigen Herren am Tisch sitzen. Statt dessen bieten Klubs und Kasinoketten das Spiel landesweit an, in denen sich die Spieler wohl fühlen.

In Deutschland fristet das Spiel hingegen ein Nischendasein. Die Herren am Pokertisch in Berlin, mit denen ich spiele, kennen sich fast alle untereinander. Eine Runde von gut 15 Spielern knöpft sich seit Jahren gegenseitig das Geld ab. Die meisten sind Ausländer, einer ist Arzt, der andere Kfz-Sachverständiger, und bei manchen will man nicht genau wissen, womit sie ihr Geld verdienen.

Einer davon ist ein Mann mit dunklen langen Haaren, der früher immer in schwarzer Kleidung erschien und seitdem "der Totengräber" heißt. Das habe ich jedoch erst später erfahren.

Jetzt weiß ich nur drei Dinge: Der Mann hat sich seit einer Stunde zurückgehalten. Ich halte zwei Buben in der Hand. Er hat alle seine Chips in die Mitte geschoben.

Wir spielen Texas Hold'em. Anfänglich erhält jeder verdeckt zwei Karten, dann wird gesetzt. Da wir "No Limit" spielen, darf jeder so viele Chips setzen, wie er möchte. Anschließend legt der Croupier drei Karten in die Mitte ("der Flop"). Diese Karten gehören allen verbleibenden Spielern. Dann wird gesetzt genauso wie jeweils nach der vierten offenen und der fünften offenen Karte, die sich auch alle teilen. Insgesamt bekommt der Spieler, der bis zum Ende bleibt, sieben Karten; es zählen aber nur die besten fünf.

Texas Hold'em sieht, wie Dan Harrington, der 1995 die Pokerweltmeisterschaft gewann, schreibt, nur wie ein Kartenspiel aus, ist es aber gar nicht. Es geht viel mehr um Wetten unter unvollständiger Information.

Tatsächlich wird, wer sich ein wenig länger mit dem Spiel beschäftigt, feststellen, daß ein bißchen Basiswissen über Statistik nicht schadet. So sind meine zwei Buben am Beginn das viertbeste mögliche Blatt, und die Wahrscheinlichkeit, so eine Kombination oder ein besseres Blatt zu bekommen, liegt bei 1,8 Prozent, also ziemlich niedrig.

Kann es sein, daß Totengräber ein besseres Paar hat? Möglich. Da er bislang praktisch jede Hand weggeworfen hat, ist er dem Anschein nach ein konservativer Spieler. Oder kann es sein, daß er mich für einen absoluten Novizen hält, der vor großen Beträgen zurückschreckt? Das erscheint mir doch um einiges wahrscheinlicher. Auch ich gehe "All in". Weil wir beide nicht mehr setzen können, zeigen wir die Karten bereits vor dem Flop. Er hat eine Neun und eine Fünf. Ein lupenreiner Bluff, er muß den Tisch verlassen.

Totengräber zählt zu der kleinen Truppe der Profizocker. Jeden Dienstag und Freitag wird in der 3,4 Millionen Einwohner zählenden Metropole Berlin gepokert.

Außerhalb der Turniere geht es richtig ums Geld. 5000 Euro sollte schon mitbringen, wer sich in Berlin an einem normalen Wochentag an den Tisch der Spielbank setzt.

Wer wissen will, warum in der Hauptstadt um Summen gespielt wird, die jeden Normalverdiener abschrecken, der wird von Eberhard Schäfer eine Reihe von Erklärungen bekommen. Schäfer ist einer der vier Direktoren der Spielbank und kümmert sich um das klassische Kartenspiel. Pokern sei in Berlin nun einmal ein "hochpreisiges Spiel". Die Gäste wollten um so hohe Beträge spielen. Das mag stimmen, doch den Markt kann man natürlich so nicht verbreitern und neue potentielle Spieler an die Tische locken.

Das hat Schäfer auch nicht vor. Für ihn ist Pokern ein etwas elitäres Spiel. Auch der Einwand, daß das Spiel weltweit doch gerade in breiten Bevölkerungsschichten populär sei, will er nicht gelten lassen. Pokern habe hierzulande nun mal keine Tradition.

In Kasino Schenefeld sieht man das anders. Dort sind die Poker-Einsätze deutlich geringer und der Zuspruch ist höher. Viel mehr jüngere Besucher registriert das Kasino, einige haben vorher nur im Internet geübt und versuchen ihr Glück jetzt am richtigen Holztisch.

Dafür mußte es natürlich auch einiges investieren: Croupiers wurden ausgebildet, der Marketingaufwand wurde erhöht. Der Einsatz zahlt sich aus. Die Nachfrage ist wieder größer, und das Preisgeld mit insgesamt 80 000 Euro ist deutlich höher als in den vergangenen Jahren, in denen das Turnier einzuschlafen drohte.

In Berlin sind die Bemühungen hingegen begrenzt. Wer sich vorab über die deutsche Pokermeisterschaft informieren wollte, suchte auf der Homepage der Berliner Spielbank vergebens. Auch geworben wurde für das Turnier nicht, es ist eine Insiderveranstaltung.

Irgendwie erfahren haben muß es der stämmige Berliner, der kein regelmäßiger Spieler ist. Er macht von Anfang an Druck und hat nach 90 Minuten am meisten Chips am Tisch. Er setzt 80. Ich habe zwei Siebenen und erhöhe um 300. Jeder hat für sein Geld 1500 Einheiten Chips erhalten; am Tisch sind also Chips von 16 500 Geldeinheiten verteilt. Er geht "All in".

Ein unangenehmer Zug. 300 waren offensichtlich zuwenig, um ihn zu vertreiben. Zwei Siebenen sind nicht die Welt, in der Rangliste der besten Blätter gerade mal Platz 39. Ich ärgere mich über mich selbst. Das Spiel ist nicht zu gewinnen, das Risiko ist zu hoch. Ich lege die Karten zur Seite.

Neben mir sitzt Jesus. Im bürgerlichen Leben Wolfgang Kopp, hat aber dank seiner längeren, gewellten Haare diesen Spitznamen bekommen. Er ist ein Phänomen. Ohne besonders auffällig zu spielen, hält er sich mit einer ordentlichen Anzahl Chips am Tisch.

Jesus ist ein ausgesprochen freundlicher Mensch. Da es mein erstes Pokerturnier ist, bin ich mit der Reihenfolge anfangs nicht firm und bin manchmal an der Reihe zu setzen, ohne es zu wissen. Durch sanftes Kopfnicken gibt er mir zu verstehen, daß die Runde auf ein Signal von mir wartet.

Was er beruflich macht, habe ich ihm versprochen nicht zu schreiben, obwohl es etwas sehr Solides ist. Als vor Jahren eine Geschichte über ihn mit großem Bild erschien, kündigte ihm wenige Tage darauf seine Hausbank den Kredit. Seitdem ist er gegenüber der Presse etwas vorsichtiger.

In Berlin spielt er bereits seit einiger Zeit nicht mehr mit, die Einsätze sind ihm zu hoch geworden. Er nimmt nur noch an Turnieren teil, bei den normalen "Cash"-Spielen hat er zu viele gesehen, die behaupten, sie wollen sich jetzt eine Auszeit nehmen. "Übersetzt heißt das für mich, die sind finanziell am Ende."

Ruiniert ist auch der Berliner mit Goldkette. Wieder schiebt er vor dem Flop alle seine Chips in die Mitte. Dieses Mal habe ich zwei Damen; er hat Bube und Zehn in zwei unterschiedlichen Farben. Die Karten in der Mitte werden aufgedeckt, seine Hoffnung auf die Straße - fünf Karten in einer Reihenfolge - erfüllt sich nicht. Wir sind nur noch zu dritt. Jesus, Ali - ein kleinerer Mann Mitte 40, der schon mehrmals kurz vor dem Ausscheiden stand, aber immer im richtigen Augenblick viel gesetzt hat - und ich.

Das Schöne an dem Spiel ist, daß es jeder leicht lernen kann. Das Gefährliche an dem Spiel ist, daß nach kurzer Zeit auch jeder glaubt, ein guter Spieler zu sein. Es ist wie mit dem Sex, schreibt Andy Bellin in seinem Buch "Poker Nation": "Niemand sieht sich als grauenhafter Liebhaber. Und trotzdem ist ein großer Prozentsatz der Bevölkerung komplett ahnungslos, wenn es beim Sex zur Sache kommt." Genauso gibt es auch Spieler, die fast jeden Abend verlieren und nicht auf die Idee kommen, es könne an ihnen liegen.

Denn in Wahrheit ist Texas Hold'em extrem kompliziert. Über 2,6 Millionen Kombinationen sind möglich. Permanent muß man Kalkulation der Gewinnchancen des eigenen Blattes mit denen der Kontrahenten vergleichen und das auch noch in Relation zur Gesamthöhe der bezahlten Chips, die in der Mitte - im "Pot" - liegen.

Nur zu einem geringen Teil ist Pokern ein Glücksspiel. Denn über den Zeitverlauf bekommt jeder anständige Karten, das ist ein simples Gesetz über Wahrscheinlichkeiten. Entscheidender ist viel mehr, daß man einen findet, der gegen die guten Karten setzt. Schönheitspreise für Full Houses werden nicht vergeben.

Wie im richtigen Leben trifft sich eine Vielzahl Charaktere mit unterschiedlichen Einstellungen: Manche sind aggressiv und setzen häufig viel. Andere sind konservativ und wagen sich nur mit einem guten Blatt ins Rennen. Wer die anderen genau beobachtet und deren Wettstruktur entdeckt, hat schon einen ordentlichen Vorteil.

Es sei durchaus eine vernünftige Strategie, schreibt Pokerweltmeister Dan Harrington, erst einmal abzuwarten. Doch Lehrgeld muß wohl jeder zahlen. Angefangen zu pokern hatte ich als Student 1987 und mußte ein halbes Jahr lang bluten. Am Wochenende fuhr ich Taxi, verteilte meinen Freitagslohn quasi unter den Kommilitonen und lebte vom Samstagslohn.

Ich machte einen der klassischen Anfängerfehler und glaubte, Pokern bestünde vor allem aus gutem Bluffen. Dann nahm mich ein Freund zur Seite und gab mir den Rat, vorsichtiger zu spielen. An diesen Ratschlag halte ich mich bis heute, denn wenn die Karten auch mit Phantasie nichts sind, gibt es ja in gut zwei Minuten neue. Man muß nein sagen können.

"Geduld" ist auch für Hans Koch eine der wichtigsten Eigenschaften beim Pokern. Und wenn der Lauf kommt, müsse man ihn nutzen. Koch ist die deutsche Ein-Mann-PR-Veranstaltung fürs Pokern. Süßenwarenverkäufer im Großhandel war er bis Ende der achtziger Jahre, spielte einige Male in Las Vegas und gewann. Es mag ein Klischee sein, aber der Schwabe weiß tatsächlich heute immer noch, wieviel er an welchem Abend 1987 verdient hatte.

Anfang der neunziger Jahre beschloß er, probeweise seinen Job aufzugeben und für ein knappes Jahr sich nur vom Spielen zu ernähren. Er stand spät auf, spielte Tennis, machte Fitness und ging drei Mal in der Woche mit 3000 Mark ins Kasino. Sobald er 1500 Mark gewonnen hatte, verließ er den Tisch. So umschiffte er eines der großen Probleme jedes Spielers: zu wissen, wann man zu gehen hat. Das ist keine leichte Übung. "Wenn ich verloren habe, mußte ich mich im Auto zwingen, nicht wieder zurückzufahren."

Koch gewann einige Turniere, verkaufte tatsächlich keine Süßwaren mehr und erfuhr ein "Glücksgefühl, das man so anders nicht erleben kann". Doch selbst das reichte ihm eines Tages nicht mehr. "Es wird auch irgendwann langweilig. Morgens stehst du ohne Ziel auf." Heute spielt Koch weniger, er hat sich auf das Organisieren der Pokerturniere verlegt. Seine Mission: Er will das Pokerspielen populär machen.

Ein ähnliches Ziel verfolgt auch Rainer Hüther. Er ist vom Vorstand der Medienfirma EM.TV und Chef des Fernsehsenders DSF. Vor wenigen Wochen machte er eine interessante Entdeckung: Zweimal übertrug sein Sender Pokerturniere und erzielte erstaunliche Quoten. Jeweils 300 000 Zuschauer schauten den Herren beim Geldabknöpfen zu. Spiele aus der Basketball-Bundesliga sehen sich gerade einmal 100 000 Menschen an, auch Eishockey fand früher kaum mehr Interesse.

Seitdem war Hüther viel auf Reisen. Er kaufte nahezu alle Poker-TV-Rechte ein; so viel, daß "ich damit fast einen eigenen Sender machen könnte". Ab Januar wird Pokern zum festen Programmbestandteil des Sportsenders. Es wird auch eine "edukative Aufgabe" sein, den Deutschen Pokern näherzubringen. "Wir werden da ein Aufklärungsprogramm machen und die Feinheiten des Spiels immer wieder erklären."

Daß Pokern auch in Deutschland mehr Anhänger findet, steht für Hüther außer Zweifel. Er zeigt eine Marktstudie, nach der vor allem junge Männer, häufig Studenten, pokern. Skat und Doppelkopf gilt als altbacken, während durch den globalen Hype mit Filmstars wie Ben Affleck ("Pearl Harbor"), Tobey Maguire ("Spider-Man") und Matt Damon ("The Talented Mr. Ripley") Pokern zu einer glamourösen Veranstaltung wird. "Pokern ist für junge Leute supercool", sagt Hüther.

Nach zwei Stunden in der Spielbank bin ich jedenfalls weniger kühl, sondern fertig mit dem Turnier. Und das ging so: Alle 15 Minuten werden die Einsätze erhöht. Der erste Spieler nach dem Dealer-Button zahlt den "Small Blind" und der zweite Spieler den "Big Blind". Alle anderen Spieler müssen keinen Grundeinsatz bringen. Anfangs lag der Small Blind noch bei 20 und der Big Blind bei 40. Jetzt liegt er bei 800 und 1600. Nachdem ich den Big Blind bezahlt hatte, bleiben mir nur einige hundert übrig. Kontrahent Ali geht "All in" und in einer Verzweiflungstat lege ich auch meine Chips in die Mitte.

Das ist natürlich ein absoluter Anfängerfehler, hier die Nerven zu verlieren. Er zeigt zwei Damen, ich habe eine Kreuz-Neun und eine Herz-Sechs. Ich greife nach meinem Jackett und schaue mit letzter Neugier interessiert, was der Croupier aufdeckt.

Dritter zu werden ist auch okay, denke ich mir. Der Croupier legt eine Fünf, einen König und eine Vier als Flop auf. Danach folgt eine Drei und zum Schluß eine Zwei. Mit der letzten Karte bekomme ich eine Straße.

Später habe ich den Kalkulator unter cardplayer.com befragt. Meine Chance, dieses Spiel zu gewinnen, lag bei 15 Prozent. Wenn es einen unverdienten Sieger in diesem Spiel gab, dann war ich das. Wenn es einen gab, dem das so was von herzlich egal war, dann war ich das auch.

Anschließend geht alles recht fix. Ich nehme zwei Damen auf und treffe erneut auf Ali, der As und Zehn mit verschiedenen Farben hat. Hier hält sich das Spiel brav an die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich gewinne und stehe mit Jesus im Endspiel.

Seit 1994 pokert Jesus. Ein guter Spieler könne sich selbst beherrschen, ist er überzeugt. Sein Grundnaturell sei "risikofreudig", aber mit den Jahren habe er angefangen, die anderen in ihrem Wettverhalten zu beobachten und sich darauf einzustellen. Pokern sei für ihn wie "Urlaub, da könne er sich richtig entspannen".

Pokermeister Koch sieht das genau anders. Für ihn ist das Spiel durchaus eine "anstrengende Geschichte". Das will man auch gern glauben, muß er als Pionierarbeiter auch einiges erleiden.

So richtet er an einem Wochenende in der Hauptstadt die "Berliner Pokermeisterschaft" aus. Um 13 Uhr an einem Samstag ist das Halbfinale. Dafür muß der Besucher eine Betontreppe in der Lietzenburger Straße in der alten West-Berliner City hochgehen; eine Straße, die die besten Zeiten deutlich hinter sich hat. Dort verteilt Koch an sechs Herren und eine Dame die Karten.

Was Koch vorhat, ist recht eindeutig. Mit seiner Firma German Poker Players Association will er Pokerevents schaffen, sie zu einem Markennamen machen und eines Tages die Übertragungsrechte ans Fernsehen verkaufen. Einen Abnehmer zu finden wird nicht einfach sein. Denn an Hinterhofromantik denken TV-Manager weniger. DSF-Manager Hüther schwebt mehr eine "professionelle High-Class-Atmosphäre" vor.

Die ist in der Gaststätte trotz Ku'dammnähe auch nach mehreren Blicken nicht zu entdecken. Sie ist 24 Stunden geöffnet, hat eine große TV-Leinwand und eine Bar in der Mitte. In einem separaten Zimmer werden die Karten verteilt. 19 Leute waren am Vortag dabei, und Koch freut sich auch über geringen Zuspruch. 15 Euro muß jeder zahlen, der Gewinner erhält eine Reise nach Las Vegas.

Um Geld darf er nicht spielen, da dieses Privileg nur die Spielbanken haben und die genau beobachten, daß keine Konkurrenzveranstaltung erwächst. Der Staat wacht ähnlich penibel, schließlich fließen bis zu 85 Prozent der Einnahmen in die Länderkassen.

So ist auch diese Geschichte ein Klassiker aus Deutschland, wie der Staat ohne bösen Willen, aber zielstrebig Wachstum, Umsatz und Schaffung neuer Arbeitsplätze unterbindet. Landesregierungen verhindern durch die hohen Abgaben, daß die Spielbanken investieren können, und verbieten anderen Anbietern, auf eigene Rechnung ein Kasino zu eröffnen.

So verharrt in Deutschland Pokern an den Tischen auf einem niedrigen Niveau. Gleichzeitig steigt aber die Zahl der deutschen Spieler im Internet. Genaue Zahlen kennt niemand, 500 000 sollen es sein. Statt die latente Nachfrage zu befriedigen und den Markt zu liberalisieren, klagen die Finanzministerien der Länder bevorzugt über "erhebliche Verluste durch Online-Glücksspiel". Es endet wie so häufig für Deutschland in Zeiten der Globalisierung: Die Umsätze gehen ins Ausland.

Dort sind die Spieler in guter Gesellschaft: Laut Nielsen Marktforschung zocken 33 Millionen Menschen im Internet. Zwölf Milliarden Dollar sollen mit Internet-Poker umgesetzt werden.

DSF-Chef Hüther hat sich fest vorgenommen, zumindest einen kleinen Teil dieses Milliarden-Umsatzes in seine Bilanz zu verschieben. Mit nahezu allen großen Internet-Plattformen steht er in Verhandlungen und will mit einigen Sponsoringverträge abschließen, am besten noch in diesem Jahr. Schließlich gingen bei den DSF-Übertragungen auch die Zahl der neunangemeldeten Pokerspieler leicht nach oben. Da will Hüther dran verdienen.

Daß Pokern auch in Deutschland die Nische verläßt, davon ist Hüther überzeugt. "Pokern ist weitweit auf dem Vormarsch." Für das Ausland sei Deutschland "ein schlafender Riese". Er sehe keinen Grund, warum ein Spiel, das weltweit funktioniert, ausgerechnet hierzulande nicht mehr Menschen anlocken soll.

Außerdem spielt Hüther ab und zu selber. Vor ein paar Wochen hat er in England ohne viel Geld gegen einen Profi-Zocker gespielt: "Es war schwieriger als gedacht. Anhand meiner Einsätze hat er oft gewußt, was ich hatte."

Mein Problem mit Jesus ist ähnlich: Er ist der stärkste Spieler am Tisch. Den ganzen Abend habe ich es unbewußt vermieden, gegen ihn anzutreten. Das war ein vernünftiges Gefühl. Denn was ich zu dem Zeitpunkt nicht wußte: Jesus ist zweifacher deutscher Pokermeister. 1999 und im vergangenen Jahr holte er den Titel.

Ohne auch nur ansatzweise kokettieren zu wollen, ist Jesus in diesem Duell mein Favorit. Ich habe ein paar Bücher über Pokern gelesen, es fehlt mir aber einfach an Praxis. Seit über zehn Jahren spiele ich nicht mehr als ein- bis zweimal im Jahr mit ein paar Freunden. 1995 war ich in Las Vegas und habe 18 Stunden durchgespielt. Zwar verlor ich kein Geld, aber um ein Haar meine damalige, leicht verstimmte Freundin.

Mit Jesus geht die Sache ziemlich schnell zu Ende. Drei Spiele gehen hin und her. Mal gewinnt er seinen Einsatz, dann wieder ich. Als ich As und Zehn mit unterschiedlichen Farben habe, geht er "All in", und ich halte dagegen.

Er zeigt zwei Sechsen, ein recht starkes Blatt, wenn man nur noch zu zweit ist. Theoretisch hat er das leicht bessere Blatt. Zu 55 Prozent müßte er gewinnen. Was folgt, ist unter anderem eine Zehn in der Mitte. Ich habe das höhere Paar.

Für die Pokermeisterschaft im Kasino Schenefeld bin ich qualifiziert. Und ich habe Jesus besiegt. Wer kann das schon von sich behaupten? Mein Minimalziel für das nächste Wochenende: nicht als erster ausscheiden. Matthias Wulff

Welt am Sonntag, vom 27.November 2005

 

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