Warum die boomende Poker-Industrie alle Asse
in der Hand hält
Pokern wird weltweit zu einem Zweig der
Unterhaltungsindustrie. Medien- und Internet-Konzerne profitieren von der
Nachfrage. Nur in Deutschland fristet das Spiel ein Nischendasein. Warum? Ein
Selbstversuch - der mit der Teilnahme an der deutschen Meisterschaft endet!
Der Mann links neben mir zittert leicht. Es ist Mr. Wong, ein Asiate. Er
rutscht unruhig auf seinem Platz rum, als wäre er gern woanders. Seine Chips
schiebt er hin und her, schaut auf sein Blatt, wieder auf seine Chips, dann auf
die Einsätze in der Mitte des Tisches.
Es ist gegen 20.40 Uhr am letzten Freitag im Oktober, als Mr. Wong all seine
Chips in die Mitte packt. "All in" sagt der Croupier. Sein fülliger
Kontrahent an der anderen Seite des Tischs, behangen mit Goldkette und
unüberhörbar aus dem Berliner Raum, zögert kein bißchen. Auch er schiebt sein
Geld in die Mitte.
Gegen 20.41 Uhr bin ich im Gegensatz zu Mr. Wong ein äußerst zufriedener
Mensch. Er hat mit einem miserablen Blatt einen miserablen Bluff hingelegt.
Mein Minimalziel, nicht als erster in dem Pokerturnier auszuscheiden, habe ich
damit erreicht.
Elf Spieler sind es, die in der Berliner Spielbank am Potsdamer Platz an
einem Qualifikationsturnier für die deutsche Pokermeisterschaft teilnehmen. 105
Euro hat jeder gezahlt, wer am Ende gewinnt, ist für die Endrunde qualifiziert.
Die findet am kommenden Wochenende in Schenefeld bei Hamburg statt. Um die 120
Teilnehmer werden wohl kommen; wer in den Vorentscheidungen nicht gewonnen hat,
kann sich mit 840 Euro einen Platz kaufen.
120 Spieler deuten auf eine eher mickrige Veranstaltung hin. So viele
Pokerspieler treffen sich an einem verhangenen Nachmittag in Las Vegas in jedem
größeren Kasino. Bei den diesjährigen World Series, die Weltmeisterschaft in
der Spielerstadt in Nevada, gingen 5619 Spieler an den Start. 10 000
Dollar zahlte jeder als Startgeld. Als Sieger nahm der Australier Joseph Hachem
7 525 850 Dollar entgegen. Selbst ein Michael Ballack muß für diese
Summe ziemlich viel grätschen.
Die steigenden Preisgelder locken global immer mehr Menschen an die
Pokertische. Ein stark wachsender Zweig der Unterhaltungsindustrie hat sich
etabliert, der heute in den USA mehr umsetzt als die Hollywood-Filme an den
Kinokassen. Der Ruf eines sündigen Vergnügens für allerlei Gesindel hilft der
Popularisierung des Pokerns, ähnlich wie der Elf-Freunde-Mythos dem Fußball.
Rund um das Pokern hat sich weltweit eine Industrie entwickelt: Kasinos
locken online und offline, Softwareprogramme trainieren die Spieler, nahezu so
umfangreich wie eine Bibliothek ist mittlerweile die Sammlung der
Ratgeberbücher und Erfahrungsberichte der Pokerspieler. Auch das Fernsehen
verdient: Mit den Übertragungen der Turniere erzielt TV-Sender ESPN in den USA
gute Quoten. Dank eingebauter Handkameras können Zuschauer die Strategie der
Spieler verfolgen.
54 Millionen Amerikaner - jeder vierte - haben 2004 eine Spielbank besucht. 27
Milliarden Dollar setzten sie dabei um, zehn Jahre zuvor waren es erst elf
Milliarden. Das vorerst letzte Signal, daß Pokern zu einem boomenden
Wirtschaftszweig geworden ist, war in diesem Sommer der Börsengang des
Online-Kasinos Partygaming. Der Marktführer übertraf bei der Kapitalisierung
mühelos die Fluglinie British Airways.
Auch in Europa haben einige Länder das Glücksspiel liberalisiert. So muß der
Besucher in London nicht mehr in Spelunken eine Leibesvisite über sich ergehen
lassen und mit eher zwielichtigen Herren am Tisch sitzen. Statt dessen bieten
Klubs und Kasinoketten das Spiel landesweit an, in denen sich die Spieler wohl
fühlen.
In Deutschland fristet das Spiel hingegen ein Nischendasein. Die Herren am
Pokertisch in Berlin, mit denen ich spiele, kennen sich fast alle
untereinander. Eine Runde von gut 15 Spielern knöpft sich seit Jahren
gegenseitig das Geld ab. Die meisten sind Ausländer, einer ist Arzt, der andere
Kfz-Sachverständiger, und bei manchen will man nicht genau wissen, womit sie
ihr Geld verdienen.
Einer davon ist ein Mann mit dunklen langen Haaren, der früher immer in
schwarzer Kleidung erschien und seitdem "der Totengräber" heißt. Das
habe ich jedoch erst später erfahren.
Jetzt weiß ich nur drei Dinge: Der Mann hat sich seit einer Stunde
zurückgehalten. Ich halte zwei Buben in der Hand. Er hat alle seine Chips in
die Mitte geschoben.
Wir spielen Texas Hold'em. Anfänglich erhält jeder verdeckt zwei Karten,
dann wird gesetzt. Da wir "No Limit" spielen, darf jeder so viele
Chips setzen, wie er möchte. Anschließend legt der Croupier drei Karten in die
Mitte ("der Flop"). Diese Karten gehören allen verbleibenden Spielern.
Dann wird gesetzt genauso wie jeweils nach der vierten offenen und der fünften
offenen Karte, die sich auch alle teilen. Insgesamt bekommt der Spieler, der
bis zum Ende bleibt, sieben Karten; es zählen aber nur die besten fünf.
Texas Hold'em sieht, wie Dan Harrington, der 1995 die Pokerweltmeisterschaft
gewann, schreibt, nur wie ein Kartenspiel aus, ist es aber gar nicht. Es geht
viel mehr um Wetten unter unvollständiger Information.
Tatsächlich wird, wer sich ein wenig länger mit dem Spiel beschäftigt,
feststellen, daß ein bißchen Basiswissen über Statistik nicht schadet. So sind
meine zwei Buben am Beginn das viertbeste mögliche Blatt, und die
Wahrscheinlichkeit, so eine Kombination oder ein besseres Blatt zu bekommen,
liegt bei 1,8 Prozent, also ziemlich niedrig.
Kann es sein, daß Totengräber ein besseres Paar hat? Möglich. Da er bislang
praktisch jede Hand weggeworfen hat, ist er dem Anschein nach ein konservativer
Spieler. Oder kann es sein, daß er mich für einen absoluten Novizen hält, der
vor großen Beträgen zurückschreckt? Das erscheint mir doch um einiges
wahrscheinlicher. Auch ich gehe "All in". Weil wir beide nicht mehr
setzen können, zeigen wir die Karten bereits vor dem Flop. Er hat eine Neun und
eine Fünf. Ein lupenreiner Bluff, er muß den Tisch verlassen.
Totengräber zählt zu der kleinen Truppe der Profizocker. Jeden Dienstag und
Freitag wird in der 3,4 Millionen Einwohner zählenden Metropole Berlin
gepokert.
Außerhalb der Turniere geht es richtig ums Geld. 5000 Euro sollte schon
mitbringen, wer sich in Berlin an einem normalen Wochentag an den Tisch der
Spielbank setzt.
Wer wissen will, warum in der Hauptstadt um Summen gespielt wird, die jeden
Normalverdiener abschrecken, der wird von Eberhard Schäfer eine Reihe von
Erklärungen bekommen. Schäfer ist einer der vier Direktoren der Spielbank und
kümmert sich um das klassische Kartenspiel. Pokern sei in Berlin nun einmal ein
"hochpreisiges Spiel". Die Gäste wollten um so hohe Beträge spielen.
Das mag stimmen, doch den Markt kann man natürlich so nicht verbreitern und
neue potentielle Spieler an die Tische locken.
Das hat Schäfer auch nicht vor. Für ihn ist Pokern ein etwas elitäres Spiel.
Auch der Einwand, daß das Spiel weltweit doch gerade in breiten
Bevölkerungsschichten populär sei, will er nicht gelten lassen. Pokern habe
hierzulande nun mal keine Tradition.
In Kasino Schenefeld sieht man das anders. Dort sind die Poker-Einsätze
deutlich geringer und der Zuspruch ist höher. Viel mehr jüngere Besucher
registriert das Kasino, einige haben vorher nur im Internet geübt und versuchen
ihr Glück jetzt am richtigen Holztisch.
Dafür mußte es natürlich auch einiges investieren: Croupiers wurden
ausgebildet, der Marketingaufwand wurde erhöht. Der Einsatz zahlt sich aus. Die
Nachfrage ist wieder größer, und das Preisgeld mit insgesamt 80 000 Euro
ist deutlich höher als in den vergangenen Jahren, in denen das Turnier
einzuschlafen drohte.
In Berlin sind die Bemühungen hingegen begrenzt. Wer sich vorab über die
deutsche Pokermeisterschaft informieren wollte, suchte auf der Homepage der
Berliner Spielbank vergebens. Auch geworben wurde für das Turnier nicht, es ist
eine Insiderveranstaltung.
Irgendwie erfahren haben muß es der stämmige Berliner, der kein regelmäßiger
Spieler ist. Er macht von Anfang an Druck und hat nach 90 Minuten am meisten
Chips am Tisch. Er setzt 80. Ich habe zwei Siebenen und erhöhe um 300. Jeder
hat für sein Geld 1500 Einheiten Chips erhalten; am Tisch sind also Chips von
16 500 Geldeinheiten verteilt. Er geht "All in".
Ein unangenehmer Zug. 300 waren offensichtlich zuwenig, um ihn zu
vertreiben. Zwei Siebenen sind nicht die Welt, in der Rangliste der besten
Blätter gerade mal Platz 39. Ich ärgere mich über mich selbst. Das Spiel ist
nicht zu gewinnen, das Risiko ist zu hoch. Ich lege die Karten zur Seite.
Neben mir sitzt Jesus. Im bürgerlichen Leben Wolfgang Kopp, hat aber dank
seiner längeren, gewellten Haare diesen Spitznamen bekommen. Er ist ein
Phänomen. Ohne besonders auffällig zu spielen, hält er sich mit einer
ordentlichen Anzahl Chips am Tisch.
Jesus ist ein ausgesprochen freundlicher Mensch. Da es mein erstes
Pokerturnier ist, bin ich mit der Reihenfolge anfangs nicht firm und bin
manchmal an der Reihe zu setzen, ohne es zu wissen. Durch sanftes Kopfnicken
gibt er mir zu verstehen, daß die Runde auf ein Signal von mir wartet.
Was er beruflich macht, habe ich ihm versprochen nicht zu schreiben, obwohl
es etwas sehr Solides ist. Als vor Jahren eine Geschichte über ihn mit großem
Bild erschien, kündigte ihm wenige Tage darauf seine Hausbank den Kredit.
Seitdem ist er gegenüber der Presse etwas vorsichtiger.
In Berlin spielt er bereits seit einiger Zeit nicht mehr mit, die Einsätze
sind ihm zu hoch geworden. Er nimmt nur noch an Turnieren teil, bei den
normalen "Cash"-Spielen hat er zu viele gesehen, die behaupten, sie
wollen sich jetzt eine Auszeit nehmen. "Übersetzt heißt das für mich, die
sind finanziell am Ende."
Ruiniert ist auch der Berliner mit Goldkette. Wieder schiebt er vor dem Flop
alle seine Chips in die Mitte. Dieses Mal habe ich zwei Damen; er hat Bube und
Zehn in zwei unterschiedlichen Farben. Die Karten in der Mitte werden
aufgedeckt, seine Hoffnung auf die Straße - fünf Karten in einer Reihenfolge -
erfüllt sich nicht. Wir sind nur noch zu dritt. Jesus, Ali - ein kleinerer Mann
Mitte 40, der schon mehrmals kurz vor dem Ausscheiden stand, aber immer im
richtigen Augenblick viel gesetzt hat - und ich.
Das Schöne an dem Spiel ist, daß es jeder leicht lernen kann. Das
Gefährliche an dem Spiel ist, daß nach kurzer Zeit auch jeder glaubt, ein guter
Spieler zu sein. Es ist wie mit dem Sex, schreibt Andy Bellin in seinem Buch
"Poker Nation": "Niemand sieht sich als grauenhafter Liebhaber.
Und trotzdem ist ein großer Prozentsatz der Bevölkerung komplett ahnungslos,
wenn es beim Sex zur Sache kommt." Genauso gibt es auch Spieler, die fast
jeden Abend verlieren und nicht auf die Idee kommen, es könne an ihnen liegen.
Denn in Wahrheit ist Texas Hold'em extrem kompliziert. Über 2,6 Millionen
Kombinationen sind möglich. Permanent muß man Kalkulation der Gewinnchancen des
eigenen Blattes mit denen der Kontrahenten vergleichen und das auch noch in
Relation zur Gesamthöhe der bezahlten Chips, die in der Mitte - im
"Pot" - liegen.
Nur zu einem geringen Teil ist Pokern ein Glücksspiel. Denn über den Zeitverlauf
bekommt jeder anständige Karten, das ist ein simples Gesetz über
Wahrscheinlichkeiten. Entscheidender ist viel mehr, daß man einen findet, der
gegen die guten Karten setzt. Schönheitspreise für Full Houses werden nicht
vergeben.
Wie im richtigen Leben trifft sich eine Vielzahl Charaktere mit
unterschiedlichen Einstellungen: Manche sind aggressiv und setzen häufig viel.
Andere sind konservativ und wagen sich nur mit einem guten Blatt ins Rennen.
Wer die anderen genau beobachtet und deren Wettstruktur entdeckt, hat schon
einen ordentlichen Vorteil.
Es sei durchaus eine vernünftige Strategie, schreibt Pokerweltmeister Dan
Harrington, erst einmal abzuwarten. Doch Lehrgeld muß wohl jeder zahlen.
Angefangen zu pokern hatte ich als Student 1987 und mußte ein halbes Jahr lang
bluten. Am Wochenende fuhr ich Taxi, verteilte meinen Freitagslohn quasi unter
den Kommilitonen und lebte vom Samstagslohn.
Ich machte einen der klassischen Anfängerfehler und glaubte, Pokern bestünde
vor allem aus gutem Bluffen. Dann nahm mich ein Freund zur Seite und gab mir
den Rat, vorsichtiger zu spielen. An diesen Ratschlag halte ich mich bis heute,
denn wenn die Karten auch mit Phantasie nichts sind, gibt es ja in gut zwei
Minuten neue. Man muß nein sagen können.
"Geduld" ist auch für Hans Koch eine der wichtigsten Eigenschaften
beim Pokern. Und wenn der Lauf kommt, müsse man ihn nutzen. Koch ist die
deutsche Ein-Mann-PR-Veranstaltung fürs Pokern. Süßenwarenverkäufer im
Großhandel war er bis Ende der achtziger Jahre, spielte einige Male in Las
Vegas und gewann. Es mag ein Klischee sein, aber der Schwabe weiß tatsächlich
heute immer noch, wieviel er an welchem Abend 1987 verdient hatte.
Anfang der neunziger Jahre beschloß er, probeweise seinen Job aufzugeben und
für ein knappes Jahr sich nur vom Spielen zu ernähren. Er stand spät auf,
spielte Tennis, machte Fitness und ging drei Mal in der Woche mit 3000 Mark ins
Kasino. Sobald er 1500 Mark gewonnen hatte, verließ er den Tisch. So umschiffte
er eines der großen Probleme jedes Spielers: zu wissen, wann man zu gehen hat.
Das ist keine leichte Übung. "Wenn ich verloren habe, mußte ich mich im
Auto zwingen, nicht wieder zurückzufahren."
Koch gewann einige Turniere, verkaufte tatsächlich keine Süßwaren mehr und
erfuhr ein "Glücksgefühl, das man so anders nicht erleben kann". Doch
selbst das reichte ihm eines Tages nicht mehr. "Es wird auch irgendwann
langweilig. Morgens stehst du ohne Ziel auf." Heute spielt Koch weniger,
er hat sich auf das Organisieren der Pokerturniere verlegt. Seine Mission: Er
will das Pokerspielen populär machen.
Ein ähnliches Ziel verfolgt auch Rainer Hüther. Er ist vom Vorstand der
Medienfirma EM.TV und Chef des Fernsehsenders DSF. Vor wenigen Wochen machte er
eine interessante Entdeckung: Zweimal übertrug sein Sender Pokerturniere und
erzielte erstaunliche Quoten. Jeweils 300 000 Zuschauer schauten den
Herren beim Geldabknöpfen zu. Spiele aus der Basketball-Bundesliga sehen sich
gerade einmal 100 000 Menschen an, auch Eishockey fand früher kaum mehr
Interesse.
Seitdem war Hüther viel auf Reisen. Er kaufte nahezu alle Poker-TV-Rechte
ein; so viel, daß "ich damit fast einen eigenen Sender machen
könnte". Ab Januar wird Pokern zum festen Programmbestandteil des
Sportsenders. Es wird auch eine "edukative Aufgabe" sein, den
Deutschen Pokern näherzubringen. "Wir werden da ein Aufklärungsprogramm
machen und die Feinheiten des Spiels immer wieder erklären."
Daß Pokern auch in Deutschland mehr Anhänger findet, steht für Hüther außer
Zweifel. Er zeigt eine Marktstudie, nach der vor allem junge Männer, häufig
Studenten, pokern. Skat und Doppelkopf gilt als altbacken, während durch den
globalen Hype mit Filmstars wie Ben Affleck ("Pearl Harbor"), Tobey
Maguire ("Spider-Man") und Matt Damon ("The Talented Mr.
Ripley") Pokern zu einer glamourösen Veranstaltung wird. "Pokern ist
für junge Leute supercool", sagt Hüther.
Nach zwei Stunden in der Spielbank bin ich jedenfalls weniger kühl, sondern
fertig mit dem Turnier. Und das ging so: Alle 15 Minuten werden die Einsätze
erhöht. Der erste Spieler nach dem Dealer-Button zahlt den "Small
Blind" und der zweite Spieler den "Big Blind". Alle anderen
Spieler müssen keinen Grundeinsatz bringen. Anfangs lag der Small Blind noch
bei 20 und der Big Blind bei 40. Jetzt liegt er bei 800 und 1600. Nachdem ich
den Big Blind bezahlt hatte, bleiben mir nur einige hundert übrig. Kontrahent
Ali geht "All in" und in einer Verzweiflungstat lege ich auch meine
Chips in die Mitte.
Das ist natürlich ein absoluter Anfängerfehler, hier die Nerven zu verlieren.
Er zeigt zwei Damen, ich habe eine Kreuz-Neun und eine Herz-Sechs. Ich greife
nach meinem Jackett und schaue mit letzter Neugier interessiert, was der
Croupier aufdeckt.
Dritter zu werden ist auch okay, denke ich mir. Der Croupier legt eine Fünf,
einen König und eine Vier als Flop auf. Danach folgt eine Drei und zum Schluß
eine Zwei. Mit der letzten Karte bekomme ich eine Straße.
Später habe ich den Kalkulator unter cardplayer.com befragt. Meine Chance, dieses Spiel zu
gewinnen, lag bei 15 Prozent. Wenn es einen unverdienten Sieger in diesem Spiel
gab, dann war ich das. Wenn es einen gab, dem das so was von herzlich egal war,
dann war ich das auch.
Anschließend geht alles recht fix. Ich nehme zwei Damen auf und treffe
erneut auf Ali, der As und Zehn mit verschiedenen Farben hat. Hier hält sich
das Spiel brav an die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich gewinne und stehe mit
Jesus im Endspiel.
Seit 1994 pokert Jesus. Ein guter Spieler könne sich selbst beherrschen, ist
er überzeugt. Sein Grundnaturell sei "risikofreudig", aber mit den
Jahren habe er angefangen, die anderen in ihrem Wettverhalten zu beobachten und
sich darauf einzustellen. Pokern sei für ihn wie "Urlaub, da könne er sich
richtig entspannen".
Pokermeister Koch sieht das genau anders. Für ihn ist das Spiel durchaus
eine "anstrengende Geschichte". Das will man auch gern glauben, muß
er als Pionierarbeiter auch einiges erleiden.
So richtet er an einem Wochenende in der Hauptstadt die "Berliner
Pokermeisterschaft" aus. Um 13 Uhr an einem Samstag ist das Halbfinale.
Dafür muß der Besucher eine Betontreppe in der Lietzenburger Straße in der
alten West-Berliner City hochgehen; eine Straße, die die besten Zeiten deutlich
hinter sich hat. Dort verteilt Koch an sechs Herren und eine Dame die Karten.
Was Koch vorhat, ist recht eindeutig. Mit seiner Firma German Poker Players
Association will er Pokerevents schaffen, sie zu einem Markennamen machen und
eines Tages die Übertragungsrechte ans Fernsehen verkaufen. Einen Abnehmer zu
finden wird nicht einfach sein. Denn an Hinterhofromantik denken TV-Manager
weniger. DSF-Manager Hüther schwebt mehr eine "professionelle
High-Class-Atmosphäre" vor.
Die ist in der Gaststätte trotz Ku'dammnähe auch nach mehreren Blicken nicht
zu entdecken. Sie ist 24 Stunden geöffnet, hat eine große TV-Leinwand und eine
Bar in der Mitte. In einem separaten Zimmer werden die Karten verteilt. 19
Leute waren am Vortag dabei, und Koch freut sich auch über geringen Zuspruch.
15 Euro muß jeder zahlen, der Gewinner erhält eine Reise nach Las Vegas.
Um Geld darf er nicht spielen, da dieses Privileg nur die Spielbanken haben
und die genau beobachten, daß keine Konkurrenzveranstaltung erwächst. Der Staat
wacht ähnlich penibel, schließlich fließen bis zu 85 Prozent der Einnahmen in
die Länderkassen.
So ist auch diese Geschichte ein Klassiker aus Deutschland, wie der Staat
ohne bösen Willen, aber zielstrebig Wachstum, Umsatz und Schaffung neuer
Arbeitsplätze unterbindet. Landesregierungen verhindern durch die hohen
Abgaben, daß die Spielbanken investieren können, und verbieten anderen
Anbietern, auf eigene Rechnung ein Kasino zu eröffnen.
So verharrt in Deutschland Pokern an den Tischen auf einem niedrigen Niveau.
Gleichzeitig steigt aber die Zahl der deutschen Spieler im Internet. Genaue
Zahlen kennt niemand, 500 000 sollen es sein. Statt die latente Nachfrage
zu befriedigen und den Markt zu liberalisieren, klagen die Finanzministerien
der Länder bevorzugt über "erhebliche Verluste durch Online-Glücksspiel".
Es endet wie so häufig für Deutschland in Zeiten der Globalisierung: Die
Umsätze gehen ins Ausland.
Dort sind die Spieler in guter Gesellschaft: Laut Nielsen Marktforschung
zocken 33 Millionen Menschen im Internet. Zwölf Milliarden Dollar sollen mit
Internet-Poker umgesetzt werden.
DSF-Chef Hüther hat sich fest vorgenommen, zumindest einen kleinen Teil
dieses Milliarden-Umsatzes in seine Bilanz zu verschieben. Mit nahezu allen
großen Internet-Plattformen steht er in Verhandlungen und will mit einigen
Sponsoringverträge abschließen, am besten noch in diesem Jahr. Schließlich
gingen bei den DSF-Übertragungen auch die Zahl der neunangemeldeten
Pokerspieler leicht nach oben. Da will Hüther dran verdienen.
Daß Pokern auch in Deutschland die Nische verläßt, davon ist Hüther
überzeugt. "Pokern ist weitweit auf dem Vormarsch." Für das Ausland
sei Deutschland "ein schlafender Riese". Er sehe keinen Grund, warum
ein Spiel, das weltweit funktioniert, ausgerechnet hierzulande nicht mehr
Menschen anlocken soll.
Außerdem spielt Hüther ab und zu selber. Vor ein paar Wochen hat er in
England ohne viel Geld gegen einen Profi-Zocker gespielt: "Es war
schwieriger als gedacht. Anhand meiner Einsätze hat er oft gewußt, was ich
hatte."
Mein Problem mit Jesus ist ähnlich: Er ist der stärkste Spieler am Tisch.
Den ganzen Abend habe ich es unbewußt vermieden, gegen ihn anzutreten. Das war
ein vernünftiges Gefühl. Denn was ich zu dem Zeitpunkt nicht wußte: Jesus ist
zweifacher deutscher Pokermeister. 1999 und im vergangenen Jahr holte er den
Titel.
Ohne auch nur ansatzweise kokettieren zu wollen, ist Jesus in diesem Duell mein
Favorit. Ich habe ein paar Bücher über Pokern gelesen, es fehlt mir aber
einfach an Praxis. Seit über zehn Jahren spiele ich nicht mehr als ein- bis
zweimal im Jahr mit ein paar Freunden. 1995 war ich in Las Vegas und habe 18
Stunden durchgespielt. Zwar verlor ich kein Geld, aber um ein Haar meine
damalige, leicht verstimmte Freundin.
Mit Jesus geht die Sache ziemlich schnell zu Ende. Drei Spiele gehen hin und
her. Mal gewinnt er seinen Einsatz, dann wieder ich. Als ich As und Zehn mit
unterschiedlichen Farben habe, geht er "All in", und ich halte
dagegen.
Er zeigt zwei Sechsen, ein recht starkes Blatt, wenn man nur noch zu zweit
ist. Theoretisch hat er das leicht bessere Blatt. Zu 55 Prozent müßte er
gewinnen. Was folgt, ist unter anderem eine Zehn in der Mitte. Ich habe das
höhere Paar.
Für die Pokermeisterschaft im Kasino Schenefeld bin ich qualifiziert. Und
ich habe Jesus besiegt. Wer kann das schon von sich behaupten? Mein Minimalziel
für das nächste Wochenende: nicht als erster ausscheiden. Matthias Wulff
Welt am Sonntag, vom 27.November 2005
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